Der Naturalismus (um 1880-1900) ist eine wichtige Epoche in der Literaturgeschichte.
In dieser Epoche wurde die ungeschönte Darstellung der Realität angestrebt.
Wir verraten dir, was der Naturalismus genau ist, und welche Merkmale die Literaturepoche auszeichnen.

Naturalismus - die Epoche kurz vorgestellt

Historischer Hintergrund
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es viele gesellschaftliche, wirtschaftliche und technische Entwicklungen, die die Lebenswelt der Menschen stark veränderten. Da durch die Industrialisierung viele Arbeiten auf dem Land wegfielen, zogen die Menschen in die Städte. Das führte dazu, dass zum ersten Mal mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land lebten. Viele Menschen fanden jedoch keinen Job. Es gab zu wenige Arbeitsplätze, zu wenige Wohnungen, dafür aber große Armut, viele Krankheiten und gerade in den Fabriken herrschten schlechte Arbeitsbedingungen. Die Folgen des Ganzen waren soziales Elend, Kriminalität und Prostitution.
Zeitgleich erlebten die Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert einen enormen Aufschwung. Es gab große technische Erfindungen wie den Dieselmotor, die Schallplatte und die Dampfturbine. Außerdem prägten Denker wie der Naturwissenschaftler Charles Darwin und der Psychologe Sigmund Freud mit ihren Thesen und Theorien das Menschenbild: Sie beschrieben den Menschen als ein determiniertes, also in seiner Entscheidungsfreiheit eingeschränktes, Wesen, das durch seine soziale Herkunft beschränkt ist.
Vor diesem Hintergrund entwickelte sich das Bedürfnis einer sachlich-nüchternen Betrachtung der Gegenwart.
Themen und Merkmale des Naturalismus
Die Naturalisten bemühten sich darum, die Realität exakt und wirklichkeitsgetreu abzubilden, um gesellschaftliche Missstände aufzudecken und gegen kulturelle, politische und soziale Umstände dieser Zeit zu protestieren. Die Autoren und Autorinnen des Naturalismus kritisierten den Kapitalismus und stellten sich gegen Besitzstreben, Scheinmoral und sogenanntes falsches Heldentum. Stattdessen legten sie den Fokus auf die Armut städtischer Elendsquartiere sowie gebrochene Existenzen.
Folgende Themen und Merkmale finden sich in den Werken des Naturalismus:
- Darstellung des Hässlichen: Da die Naturalisten so nah wie möglich an der Realität sein wollten, beschrieben sie in ihren Werken auch das Hässliche in der Welt. So fanden sich Krankheit, Armut, Elend, Alkoholismus und Prostitution in ihren Texten. Damit provozierten die Autoren und Autorinnen das Bildungsbürgertum, das von den ehrlichen Beschreibungen geschockt war.
- Verwissenschaftlichung der Kunst: Der große wissenschaftliche Fortschritt im 19. Jahrhundert beeinflusste auch die Kunst, insbesondere die Literatur. Die Naturalisten versuchten ihre Texte objektiv und mit wissenschaftlicher Methodik zu verfassen. Persönliche Meinungen sollten ihre Werke nicht beeinflussen.
- Milieu und Vererbung: Eine wichtige Rolle für das Verständnis der Epoche des Naturalismus ist die Milieutheorie von Hippolyte Taine. Seine Theorie geht davon aus, dass der Mensch von seinen Erbanlagen und dem Milieu, also den sozialen Verhältnissen, in die er hineingeboren wird, bestimmt ist. Diese Ansicht übernahmen die Autoren und Autorinnen in ihren Werken. In diesem Menschenbild zeigt sich ein wichtiger Unterschied zum Realismus: Während die Realisten und Realistinnen den Menschen noch als autonomes Wesen mit einem freien Willen betrachteten, sahen die Naturalisten und Naturalistinnen ihn als ein fremdbestimmtes, von Vererbung und Milieu abhängiges Wesen.
Literatur des Naturalismus
Die Autoren und Autorinnen des Naturalismus verstanden sich als eine junge Protestgeneration, die auf Missstände hinwies. Ihre literarischen Zentren waren Berlin und München.
Dramatik
Die Dramatik war in der Naturalismus Epoche die wichtigste literarische Gattung. Es legte seinen Fokus auf die Darstellung von Charakteren. Auch die Sprache sollte so realitätsnah wie möglich sein, weshalb man in den Dramen dieser Zeit Dialekte und Umgangssprache finden kann.
Durch die ausführlichen und genauen Regieanweisungen erhielten die Dramen des Naturalismus einen epischen Bestandteil. Wegen dieser Mischung aus Epik und Dramatik wurde das naturalistische Drama oft kritisiert.
Epik
Die Naturalisten und Naturalistinnen bevorzugten epische Kurzformen wie die Novelle . Themen waren das soziale Elend, Alkoholismus, Prostitution und das Leben in den überfüllten Mietskasernen.
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Eine Novelle ist ein klar strukturierter und mittellanger epischer Text mit erkennbarem Höhe und Wendepunkt, der einen zentralen Konflikt thematisiert.
Auf formaler Ebene entwickelte sich eine neue Erzähltechnik: der Sekundenstil. Dieser ist dadurch gekennzeichnet, dass die Erzählzeit und die erzählte Zeit deckungsgleich sind. Damit wollten die Autoren und Autorinnen die Wirklichkeit von Sekunde zu Sekunde kopieren. Der Sekundenstil zeichnet kleinste Bewegungen, Gesten, Geräusche und Nuancierungen penibel auf. In Dramentexten kann das so weit gehen, dass Dialoge ständig durch entsprechende Regieanweisungen unterbrochen werden.
Außerdem äußert sich der Sekundenstil beispielsweise durch die Verwendung von Dialekten und Umgangssprache, Stottern, Interjektionen (Ausrufen), Sprechpausen und unvollständigen Sätzen, die ebenfalls zu einer realistischen Abbildung der Wirklichkeit beitragen.
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Wenn die Erzählzeit (Zeitspanne, die du zum Lesen benötigst) der erzählten Zeit (die im Werk erzählte Zeit) entspricht, dann ist die Rede von einer Zeitdeckung oder dem Sekundenstil . Deutlich wird sie vor allem bei der direkten Rede, denn hier braucht das Sprechen der fiktiven Figuren dieselbe Zeit, wie man für das Lesen benötigt.

Das folgende Beispiel aus dem Dramentext "Die Familie Selicke" von Arno Holz und Johannes Schlaf illustriert, wie der Sekundestil im Naturalismus aussehen kann:
„KOPELKE zu Albert. Sachteken, werter junger Herr, sachteken … Zu Frau Selicke. Immer in Jiete, Mutter! Det ville Jehaue un det ville Jeschumpfe nutzt zu janischt, zu reen janischt! … Ibrijens … Er hat sich mitten in die Stube gestellt und schnuppert nun nach allen Seiten in der Luft rum. … wat ick doch jleich noch sagen wollte … det … det … riecht jo hier so anjenehm nach Kaffee? … Hm! Pf! Brrr! … Nee, dieset Schweinewetter?! Ick bin – wahrhaftijen Jott – janz aus de Puste!
Er hat sich seinen großen, dicken Wollschal abgezerrt und schlenkert ihn nun nach allen Seiten um sich rum. Kopp weg! Zu Walter, den er dabei getroffen hat. He? Wah det deine Neese?“
Lyrik
Der Bruch mit bisherigen literarischen Traditionen bedeutete in der Lyrik den Verzicht auf ein Reimschema sowie ein bestimmtes Metrum. Lyrische Themen waren die Großstadt und die sozialen Probleme. In der Epoche des Naturalismus entstand deshalb auch die Großstadtlyrik, also Gedichte, die vom Leben in der Großstadt erzählen.
Beispiele für Autoren und Werke
- Gerhart Hauptmann (1862-1942), z.B. "Die Weber" (1892)
- Arno Holz (1863-1929), z.B. "Die Familie Selicke" (1890)
- Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828-1910), z.B. "Anna Karenina" (1877)
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"Die Weber" aus dem Jahr 1892 ist das bekannteste Werk des deutschen Schriftstellers Gerhart Hauptmann. Das soziale Drama thematisiert den Weberaufstand in Schlesien aus dem Jahr 1844. Thema des Stücks sind außerdem Ausbeutung und die unmenschlichen Lebensbedingungen in Folge der Industrialisierung.
